Predigt in Musik
(hr) (khm) Am zweiten Weihnachtsfeiertag, dem traditionellen Tag für einen Kantatengottesdienst in der Eberbacher Evangelischen Michaelskirche war die vierte Kantate von den sechs des Bachschen Weihnachtsoratoriums nach den Evangelisten Lucas, Johannes und Matthäus zu hören.
Gesungen, musiziert und gestaltet wurde das Werk von der Evangelischen Kantorei, den Gesangssolisten Doreen Ziegler (Sopran), Sebastian Hübner (Tenor), Lorenz Miehlich (Bass), Reili Rietdorf (Echo-Sopran), der Kurpfalzphilharmonie Heidelberg und Karin Conrath an der Continuo-Orgel. Die Leitung hatte Bezirkskantor Andreas FauĂź, Predigt und Liturgie lagen in den Händen von Pfarrerin i. R. Irmtraut Fischer.
Als Eingangsmusik erklang das von Arcangelo Corelli (1653-1713) nachkomponierte Pastorale (Hirtenmusik) / Largo zu seinem Concerto grosso Op. 6, Nr. 8, "Fatto per la notte di natale”, "Gemacht für die Geburtsnacht (Jesu)", die wohl berühmteste Weihnachtsmusik, die zu der Sammlung von zwölf Conerti grossi gehörte, die Corelli 1712 dem (katholischen) pfälzischen Kurfürsten Johann Wilhelm (1658-1716) widmete und dafür allerdings erst nach seinem Tod von diesem geadelt wurde als "marchio di Ladenbourg - Marchese von Ladenburg", damit "Eius nomen immortalitati commendaturus - dessen Namen der Unsterblichkeit anvertrauend", wie es auf Corellis Grabplatte im Pantheon in Rom auch zu lesen steht.
Als Kantate zum Gottesdienst nach den liturgischen Einführungen war dieses Jahr die vierte gewählt. Man hatte ja die Auswahl aus den sechs Kantaten: (1) die am Weihnachtsfest (Feria 1 Nativitatis Christi - Geburt Christi), (2) die am 2 .Weihnachtsfesttage (Feria 2 Nativitatis Christi - Geburt Christi), (3) die am 3. Weihnachtsfesttage (Feria 3 Nativitatis Christi - Geburt Christi), (4) die am Neujahrstage (Festo Circumcisionis Christi - der Beschneidung Christi), (5) die am Sonntag nach Neujahr (Dominica post Festum Circumcisionis Christi - nach dem Fest der Beschneidung Christi) und (6) die am Fest der Erscheinung Christi (Festo Epiphanias - Fest der Ercheinung, der Sichtbarwerdung der Göttlichkeit Christi vor den ersten Boten der Heidenwelt: den Weisen, den drei Königen.
Nach den Gemeindeliedern "Herbei, o ihr Gläubigen - Adeste fideles" sowie "Der Heiland ist geboren, freue dich o Christenheit und dem Gebet des alle entscheidenden Glaubensaussagen umfassenden "Ökumenischen Bekenntnisses von Nizäa-Konstantinopel” begann diese vierte Kantate, welche die Bachkenner als besonders eigenständig und eindrucksvoll unter den anderen betrachten.
In den breit dahinströmenden vollen Orchesterklang trat der Chor nach Takten der Pause mit seinem "Fallt mit Danken, fallt mit Loben vor des Höchsten Gnadenthron" ins Geschehen, wohl gestützt durch seine a- und o-Laut-Klangpracht, wobei die Hörner eher dezent wirkten und recht klangstark die Oboen, was alles zusammen mit Staccati und Trillern einen majestätischen Grundzug verlieh.
Das Folgende ist inhaltlich der Namengebung Christi gewidmet und Betrachtungen dazu in einem Recitarivo con chorale um den Gedanken um die vertriebene Todesfurcht. Dabei wurde das Kirchenlied "Jesu, du mein liebstes Leben" mit Doreen Ziegler (Sopran) hell und arios gesungen und dabei vom Bass sonor begleitet, und dabei die Hauptgedanken herausgestellt: "Mein Jesus! Wenn ich sterbe, so weiĂź ich, dass ich nicht verderbe. Dein Name steht in mir geschrieben. Der hat des Todes Furcht vertrieben". An dieser Kantatenstelle unterbricht die berühmte Echo-Arie (Doreen Ziegler, Sopran) das Kirchenlied, das danach mit seinen Gedanken um Todesfurcht und Erlösungsfreude weitergeführt wird - eine Thematik, die auch in der Gottesdienstpredigt angesprochen wurde. Diese Echoarie war einst recht umstritten: Ist es ein "weltlicher Ausrutscher", eine "verwunderliche Spielerei" des sonst "so ernsten und gedankenvollen Meisters" (Spitta II, S.417) oder ist es eher ein Todesschrecken verneinender und Erlösungsfreude bejahender versteckter Dialog von Gläubigen mit dem Jesuskind, zumal es kein echter Dialog ist und sich das Echo an den entscheidenden Stellen "unaufgefordert" (Spitta) meldet: "Flößt ... dein Namen auch den allerkleinsten Samen jenes strengen Schreckens ein? Nein, du sagst ja selber Nein ! (Nein !)”.
Die Freunde virtuoser Barockmusik bekamen dann auch eine geboten, die Fugen-Arie (die zweite Arie der immer zwei in einer Kantate) "Ich will nur dir zur Ehre leben", bei der nach der instrumentalen Einleitung der Tenor Sebastian Hübner gleich mit einer dreitaktigen Koloratur über das Wort "Leben" aufwartete. So trat der virtuos lebendige Vortrag des Fugensatzes samt Koloraturen auch gleich hervor und zeugte von einer prachtvoll musizierenden Vierer-Gruppe (2 Violinen, Geiger, Tenorstimme, Continuo) und ihrem Fugenwerk.
Der Schlusschor, der aus sechs anaphorisch gegliederten Jesus-Anrufen besteht, beginnt mit vollbesetztem Orchester und führt die Choralform konsequent durch mit zwei Stollen zu vier Anrufen und einen Abgesang zu zwei Anrufen.
Bach hatte bekanntlich auch schulische Verpflichtungen, also sicher auch dabei Rhetorik zu unterrichten. Die Lehre von den rhetorischen Figuren war ihm also wohl vertraut - etwa aus der alten umfangreichen Institutio oratoria des Quintilian (30-90 n. Chr.) zu 12 Bänden oder eher den Auszügen daraus, die etwa Ă„hnliches beschrieben wie die heutigen Rhetoriken: z. B Anapher (gr. anaphorá - u. a. Steigerung, d. h. mehrfache Wiederholung desselben Wortes am Anfang von Sätzen und Satzteilen. Die Anapher soll damit Eindringlichkeit hervorrufen oder ein Satzgefüge übersichtlicher machen. Das war für Bach also durchaus brauchbar zur Sichtbarmachung der Bedeutung von Jesu für die Menschen, und für diese Art von Epiphanie war die Rhetorik eben auch in der Musik ein probates Mittel.
Nach dem Konzertende gab es verständlicherweise verdienten, begeisterten, nicht endenden wollenden, aber kirchlich nicht unbedingt gebotenen Beifall für ein musikalisches Erleben, bei dem Freude und Zuversicht, die von Werk und Botschaft ausgehen, sich allgemein vermittelt haben dürften.
28.12.25
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