Donnerstag, 01. Oktober 2020

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Landtagsabgeordneter und Mediziner im Internetgespräch


(Foto: Hubert Richter)

(hr) “Corona in der Region - Erfahrungen und Ausblicke” war das Thema, über das sich der Grünen-Landtagsabgeordnete Hermino Katzenstein gestern Abend mit dem Eberbacher Notarzt Dr. Patrick Schottmüller in einem zweistündigen Webinar austauschte.

Schottmüller betonte dabei zunächst die hohe Bedeutung auch kleinerer Krankenhäuser wie die Eberbacher GRN-Klinik für die flächendeckende Versorgung gerade in Zeiten einer Pandemie mit einem erhöhten medizinischen Bedarf. Aktuell gebe es im Krankenhaus am Scheuerberg keine Corona-Infektion, und es habe in Eberbach auch bisher niemand beatmet werden müssen, so Schottmüller. Es habe zwar einen Todesfall gegeben, bei dem das Coronavirus festgestellt worden sei. Allerdings wisse man bisher nicht, ob Corona in diesem Fall ursächlich für den Tod des Patienten gewesen sei. In anderen GRN-Kliniken im Kreis habe es zwar Coronafälle mit notwendiger Beatmung gegeben, aber insgesamt sei die befürchtete große Welle ausgeblieben.
Der Notarzt gab zu bedenken, dass auch die Angst im Zusammenhang mit Corona ein grassierendes Virus sei, das es mit Fakten zu bekämpfen gelte. Denn er befürchtet, dass viele Notfälle anderer Art nicht gemeldet und behandelt wurden, weil man eine Infektion im Krankenhaus befürchtete oder durch das Besuchsverbot für Angehörige abgeschreckt worden sei. Ihm sei jedenfalls aufgefallen, dass seine Notarzteinsätze seit Ausbruch der Pandemie deutlich zurückgegangen seien. Auch die für das Überleben vieler Patienten so notwendige Erste Hilfe (beispielsweise bei Reanimationen) sieht Schottmüller in Gefahr, weil potentielle Helfer anderen Menschen nicht mehr nahe kommen wollten. Er wolle das Virus nicht verharmlosen, gab aber zu bedenken, dass eine Infektion in den meisten Fällen unmerklich oder mit nur leichten Symptomen verlaufe und die Sterblichkeit aufgrund COVID-19 seiner Vermutung nach - wenn das Gesundheitssystem nicht überlastet wird - bei weniger als 1% liege, da wohl von einer hohen Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen auszugehen sei. Im Zusammenhang mit der Sterblichkeit kritisierte Schottmüller das Robert-Koch-Institut, das ansonsten einen sehr guten Job mache, für zu wenige Obduktionen an verstorbenen Infizierten. Denn Obduktionen seien wichtig, um mehr Kenntnisse über die tatsächlichen Auswirkungen des Virus’ zu erlangen. Ansonsten plädierte der Eberbacher Notfallmediziner für Sport und Bewegung auch in der Coronakrise, um die negativen Folgen von Bewegungsmangel abzumildern. Und er warnte vor globalen Folgen des Shutdowns wie Nahrungsmittelknappheit, wenn die Einschränkungen noch länger anhielten.

Hermino Katzenstein schätzte die Gefährlichkeit und auch die Sterblichkeit bei COVID-19 etwas höher ein als der Eberbacher Arzt und verwies vor allem auf die teils dramatischen Entwicklungen in Italien, Frankreich, Spanien und New York. Der erreichte Zwischenerfolg mit dem Rückgang der “aktiven” Infektionen sei zerbrechlich, und bei Lockerungen müsse man differenzierter als bisher vorgehen: Sportarten wie Golf und Tennis sollten bald wieder möglich sein, während Feste wie der Eberbacher Kuckucksmarkt ein “No Go” seien.

Einig waren sich beide Gesprächspartner in der Einschätzung, dass über 90 Prozent der Ansteckungen wohl über so genannte Tröpcheninfektionen erfolgen, und dass Abstand das wesentliche Mittel zu deren Vermeidung sei. Zu den Alltagsmasken sagte Katzenstein, dass diese für die Träger selbst keinen Schutz böten, wohl aber für die anderen Menschen, wenn die Abstände nicht eingehalten werden könnten. Patrick Schottmüller wiederholte seinen Aufruf, am Steuer von Fahrzeugen auf jeden Fall auf Masken zu verzichten.

Das Internet-Gespräch wurde zeitweise von bis zu knapp 60 angemeldeten Teilnehmern verfolgt, und einige von ihnen beteiligten sich mit Fragen auch daran. Eine Frage bezog sich auf die Wiedereröffnung von Kindertagesstätten. Katzenstein sagte, das hänge unter anderem davon ab, ob Kinder Überträger des Virus seien. Dazu gebe es aktuell Untersuchungen an den Unikliniken im Land, deren Ergebnisse er in rund drei Wochen erwarte.

Laut heutiger Mitteilung des Gesundheitsamts sind die bestätigten Infektionen im Rhein-Neckar-Kreis seit gestern nicht angestiegen. Von den insgesamt 902 positiv Getesteten sind 777 Personen genesen und 32 verstorben. Das bedeutet derzeit 93 aktive (potentiell ansteckende) Infizierte im Kreis (eine Infektion je 5.900 Einwohner), abgesehen von der Dunkelziffer. In Eberbach und Schönbrunn wurden bisher insgesamt 16 Personen positiv getestet, von denen aber nur noch eine wegen Ansteckungsgefahr in Quarantäne ist.


05.05.20

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