Historische Geheimnisse und Geschichten (Foto: Klaus Damm)(hr) (chre/hwr) Bei einem informativen Spaziergang im Holdergrund gab es am vergangenen Sonntag, 4. Oktober, Einiges über das kleine Seitental des Neckars in Eberbach zu erfahren.
Eingeladen hatten Christina ReiĂź und Herbert W. Rabl (auf unserem Bild ganz links), die beide im Holdergrund leben. Mit rund 40 Gästen war die Tour sehr gut besucht, und das Publikum war bunt gemischt. Etwa die Hälfte lebt im Holdergrund, die meisten davon aber zugezogen. Die andere Hälfte fand die Idee und das Angebot interessant und kam aus ganz Eberbach, sogar aus Hirschhorn und dem Odenwald, um auf Erkundungstour zu gehen. Der vom Naturpark Neckartal-Odenwald kostenlos zur Verfügung gestellte geländegängige Elektrorollstuhl bot einem Teilnehmer mit Knieproblemen die Möglichkeit, die Strecke zurückzulegen.
Die Initiierenden hatten sich vorgenommen, das Augenmerk auf Schwerpunkte zu lenken, die im Holdergrund exemplarisch sichtbar werden und die Eberbacher Geschichte beispielhaft widerspiegeln: Waldweidewirtschaft, Gärten, Mühlen und Steinbrüche. Die Waldweide war bis ins 19. Jahrhundert eine Möglichkeit für die arme Bevölkerung, ihr Vieh satt zu bekommen. Diese Praxis führte, da das Vieh Baumschößlinge abäste, zu lichten Wäldern mit mächtigen Bäumen – ein von Menschen heute als ideal empfundener Wald. Im Zuge der der sich ausbreitenden, ertragsorientierten Forstwirtschaft kam dieses Beweidungskonzept unter die Räder der Geschichte, wird aber heute als NaturschutzmaĂźnahme vereinzelt wieder praktiziert. Nach einer Station im traditionsreichen Höfler-Quartier und einem Einblick in die nahezu hundertjährige Geschichte der Familie Lenz ging es in den prämierten Naturgarten der “Märchenklause”, die heute von Christina ReiĂź bewohnt wird. Das Haus wurde von der Erbauerin Hofferbert und vom Eigner der Drechselmühle gegenüber liebevoll mit holzgeschnitzten Märchenmotiven dekoriert. Hofferbert hatte auch den Eberbacher Spinnzirkel mitgegründet und vielfältige kunsthandwerkliche Talente sowie einen grünen Daumen. Mit einer vielfältigen Gartenbewirtschaftung, samt Hühnern und Bienen, knüpft Christina ReiĂź an die Selbstversorger-Tradition im Holdergrund an, die in alten Zeiten zum Alltag gehörte.
Nach kurzer Rast in diesem Ambiente mit Informationen zur inzwischen nicht mehr existierenden Pharma-Firma Ritsert im Klausenweg ging es um die Mühlen im Holdergrund. Da der Holdergrund ziemlich steil abfällt, standen die Mühlen in kurzem Abstand. Mindestens zehn sind historisch belegt, und die erste wurde 1389 urkundlich erwähnt, wie Herbert Rabl berichtete. Die Flanierenden passierten die ehemalige Drechselmühle, eine ehemalige Sägemühle und eine ehemalige Hammermühle, wo Werkzeuge geschmiedet wurden. Eine Landschaftsstruktur, die noch sehr klar den Wehrgraben zwischen einer oberen und einer darunter liegenden Mühle aufzeigt, konnte besichtigt werden und ganz nebenbei gab es ein historisches Altenteil-Haus mit seltenen Langschindeln zu entdecken.
Ein kurzer Blick wurde dann noch auf zwei längst stillgelegte Steinbrüche geworfen. Ăśber 20 Steinbrüche gab es seinerzeit in Eberbach, wie Stadtarchivar Dr. Marius Golgath berichtete, und später im ErzählcafĂ© erläuterte der Geologe Dr. Bernd Strey, warum einige der Eberbacher Steinbrüche wegen der Dichte des Steins so besonders wertvoll waren für die vor gut 100 Jahren aufblühende chemische Industrie. Zur Blütezeit der Steinbrüche transportierte viele Schiffe über den Neckar Sandsteintröge zur heutigen BASF nach Ludwigshafen.
Im „CafĂ© Fuchsbau“, einem Vieh- und Schweinestall einer ehemaligen Mehlmühle, die gegenüber einer ehemaligen Hammermühle steht, luden die Veranstaltenden zum Ende des Spaziergangs zum ErzählcafĂ© ein. Die versammelten Teilnehmenden waren sich einig, dass in Eberbach und eben auch im Holdergrund das reiche historische Erbe und die Lebensqualität nicht immer genug gewertschätzt werden. Eine Teilnehmerin berichtete sogar, dass ihr Sohn der GroĂźstadt den Rücken gekehrt habe, weil in Eberbach viel geboten werde und viel zu entdecken sei.
Mit Kaffee, selbstgebackenen Kuchen und einer tief berührenden Geschichte über die Kindheit eines kleinen Mädchens im Holdergrund – von ihr selbst als heute 84-Jährige erzählt – endete der Holdergrundspaziergang als Erlebnis, das die Erwartungen der Teilnehmenden augenscheinlich übertroffen hat.
Wer sich für Veranstaltungen rund um das nur bisweilen offene “CafĂ© Fuchsbau“ interessiert, kann sich per E-Mail in den Verteiler aufnehmen lassen (s.u.). Dr. Bernd Strey hat im Rahmen des ErzählcafĂ©s eine weitere Holdergrund-Führung unter geologischen Vorzeichen zugesagt.
E-Mail-Kontakt: Herbert.Rabl@holdergrund.de
11.10.26
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